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Gebiete   

Chaos und Räuberbanden wecken schon Taliban-Nostalgie

http://www.freies-wort.de/nachrichten/ueberregional/resyart.phtm?id=193583

 

 

Islamabad (dpa) - Kaum ist das brutale Taliban-Regime gestürzt, da trauern die Menschen im Osten Afghanistans zumindest einem Verdienst der Taliban schon nach: Unter ihnen waren die Strassen sicher. Der Mord an den vier Journalisten, die von Pakistan in die afghanische Hauptstadt Kabul fahren wollten, hat die Welt auf die Folgen des Machtvakuums aufmerksam gemacht, das der Sturz der Taliban bewirkt hat. Sie sind besiegt, aber als Ordnungsmacht sind sie noch nicht ersetzt.

 

In dschalalabad im Osten Afghanistans spürt das jeder. «Die Leute fühlen sich unsicher dort», sagt ein Reisender, der gerade aus dschalalabad nach Pakistan zurückgekehrt ist. «Früher habe ich meinen Laden nicht abgeschlossen, und nichts ist passiert», sagt ein Geschäftsmann. Jetzt hat er Angst, dass er trotz Schloss und Riegel ausgeraubt wird.

 

Die Nachtwächter in dschalalabad kündigen, weil sie gegen die schwer bewaffneten Banden, die nun wieder aus der Versenkung auftauchen, ohnehin nichts ausrichten könnten. Ein Autohändler hat seine Ware versteckt, damit sie ihm nicht abhanden kommt.

 

Das alles ist nichts neues. Vor 1994 herrschten in Afghanistan Anarchie und Chaos. Mudschahedin, die bis 1989 mit westlicher Hilfe gegen die sowjetischen Besatzungstruppen gekämpft hatten, benahmen sich nun wie Raubritter. In Kabul bekriegten sie einander, im Osten und Süden Afghanistans pressten sie die Bevölkerung aus. Die Strassen waren gefährlich. Im Dunkeln wagte niemand zu reisen, und tagsüber war nie sicher, ob die Männer mit den Maschinenpistolen an der Strassensperre nur abkassieren oder ob sie auch schiess en würden.

 

Als die Taliban all diese Banden zwischen 1994 und 1996 unter Kontrolle brachten, waren die Leute ihnen dankbar. Die Unterdrückung von Frauen und Mädchen, das Verbot von Musik und Fernsehen, und auch die Unfähigkeit der Taliban, das Land wieder aufzubauen, kosteten sie mit den Jahren alle Sympathie. Die Sicherheit aber wurde bis zuletzt als das gross e Verdienst der radikalen Islamisten gepriesen.

 

Nun sind sie gestürzt, ohne dass eine neue Macht zur Stelle wäre. Die alte Anarchie breitet sich wieder aus. «Die Lage auf der Strasse von der Grenze nach Kabul ist für jeden ein Grund zur Sorge», sagte Mike Sackett von den Vereinten Nationen. Auch die Hilfslieferungen sind davon betroffen. «Die Lastwagenfahrer fühlen sich unsicher», sagt Sackett. Im Süden des Landes sind sogar schon Hilfstransporte geplündert worden. Frühere Mudschahedin haben UN-Einrichtungen überfallen und die Ausrüstung gestohlen.

 

Nun wird der Ruf nach internationalen Polizeitruppen laut, die für Sicherheit und Ordnung in Afghanistan sorgen sollen. Die Nordallianz, deren Chef Burhanuddin Rabbani sich gerne als legitimer Präsident präsentiert, wäre davon nicht begeistert. Sie ordnete schon eine Untersuchung der Journalistenmorde an, als hätte Rabbanis Regierung im paschtunischen Süden irgendetwas zu sagen.

 

Der Druck auf die Nordallianz wie auf die Paschtunengruppen, die im Süden Afghanistans die Macht von den Taliban übernommen haben, wächst. Entweder sie sorgen für Sicherheit oder die internationale Gemeinschaft greift ein, lautet die Botschaft, auch wenn ein UN-Vertreter sich vorsichtiger ausdrückt: «Wir werden die Lage noch einige Tage beobachten, dann denken wir darüber nach, was gebraucht wird», sagt er.

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