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Tragen
und Ziehen
von Joachim Baur -
Ein metaphysisches Erlebnis
(Die Kleine Zeitung 04.08.2010 hat den Text unter dem Titel
"Schürfen nach Sinn" entstellt wiedergegeben)
http://www.kleinezeitung.at/steiermark/judenburg/judenburg/2432695/joachim-baur-schuerfen-nach-sinn.story
Eine Eselei
Mit 7 Eseln durch Österreich zu ziehen, eröffnet Einblicke in
ungeahnte Tiefen einer Geistlosigkeit in unserem Land, das eine
Eselei zu Tage treten lässt, die mehr mit den Menschen als mit den
Tieren zu tun hat.
Zwischen Graz und Slovenj Gradec wird seit 2004 ein Tunnel gegraben,
der sich laut Idee und Berechnung des Künstlers Muhammad Müller über
eine Zeitspanne von über 5000 Jahren ziehen wird.
Der Abtransport des anfallenden Schürfmaterials erfolgt mit Hilfe
von Eseln.
Ausgestattet mit einem GPS-Gerät gilt es so nah wie möglich entlang
der Orientierungslinie, die sich von der WERKSTADT GRAZ zur GALLERY
FINE ARTS SLOVENJ GRADEC spannt, (zwei Parallel-Stäḍe mit gleichem
Namensursprung) das Schürfmaterial an die österreichisch-slowenische
Grenze auf den Radlpass zu transportieren. Die ehemaligen
Grenzgebäude wandeln sich dabei zu Museumsgebäuden, gefüllt mit
Sinnfragen. Das unmittelbar davor errichtete Zwischenlager ist wie
die Eseltaschen mit einem Smartcode gekennzeichnet.
Eine Woche benötigte der vor einem Jahr durchgeführte Eseltrekk.
In diesen Tagen (31.Juli – 6.August) wird nun der zweite Eseltrekk
von der slowenischen Seite aus durchgeführt. Wiederum sind
gemeinsam mit dem Künstler Muhammad Müller 6 Menschen als
Eseltreiber unterwegs.
Der Materialtransport bietet aber auch Einblicke in unser Land, die
das Erlebte zur Erscheinung erstarren lässt. Es scheint eine
Erstarrung im Geist, eine mangelnde Vorstellungskraft in den Köpfen
zu herrschen, die es erlaubt, einen so genannten "individuellen
Gestaltungswillen" an den Tag zu legen, der von der Zerstörungswut
der Vielfalt hin zur verordneten stupiden Uniformiertheit führt:
eine ästhetische und damit untrennbar verbunden eine ökologische
Umweltverschmutzung mit manifestiertem Sondermüll: Häuser, Umzäungen,
Gartenanlagen.
Das Land gleicht mit seinen Hupfburgen und überdimensionierten
Schwimmbecken (die meisten in aufblasbarer Variante, gefüllt mit
chlorvergifteten Wasser) einem Disneyland der weiß-grünen Art.
Antenne-Tier-Mensch
Dass es neben Erlebnissen wie den Tieren Wasser und Weideplatz zu
verweigern, auch den Hang zur Idiotie (von grch. idiótes:
„Privatperson“) gibt, liegt auf der Hand. Wie sonst ist es möglich,
dass fleißig Altnazisprüche und xenophobischer Sprachmüll in die
Luft geschleudert werden.
Das provoziert aber auch die Aufforderung an die Leserin an den
Leser aufzublicken von der Zeitung und in das Umgebende zu blicken,
und sich dabei selbst zu beobachten, metaphysisch sehen zu lernen.
Die Zeitung selbst als Teil einer täglich erscheinenden
Kommunikations-Landschaft mit dem Kunst-Augen-Blick zu betrachten,
der dem Relativierenden, dem Maßgeblichen zu folgen sucht, – keine
Heilversprechung, vielmehr eine individuelle Maßnahme zur
Bewusstseinsbildung für individuelle Vorstellung und Wahrnehmung.
Denn sollte nicht auch täglich in den öffentlichen Medien die
Lebens-Sinn-Frage gestellt werden. Und ist es dabei nicht auch für
uns alle notwendig, das eigene Schürfmaterial zu transportieren, aus
unseren täglich begonnenen Tunnelprojekten.
In der Krise der Wirtschaft und der Politik zeigt sich eben die
professionelle Unbeständigkeit dieser Systeme: Kunst erweist sich
einmal mehr als das Beständige im Unbeständigen, als das Dauerhafte.
Kunst ermöglicht in der Rohheit des Alltags seine
Selbstverantwortung ästhetisch wahrnehmbar zu machen, sich selbst zu
erkennen und zu erleben und an der Veränderung der Welt mitzubauen,
damit das rastlose Umherziehen endlich zum Transport des eigenen
Schürfmaterials wird.
Joachim Baur / WERKSTADT GRAZ
Bemerkung: Die
Kleine Zeitung hat Artikel inhaltlich verändert unter dem Titel
"Schürfen nach Sinn" am 04.08.2010 publiziert:
http://www.kleinezeitung.at/steiermark/judenburg/judenburg/2432695/joachim-baur-schuerfen-nach-sinn.story
Mit Eseln durch Österreich zu ziehen, eröffnet Einblicke in
Abgründe. Sie haben den Künstler Joachim Baur zur hier publizierten
Polemik veranlasst.
Zwischen Graz und Slovenj Gradec wird seit 2004 ein Tunnel gegraben,
was sich laut Idee und Berechnung des Künstlers Muhammad Müller über
eine Zeitspanne von über 5000 Jahren ziehen wird. Der Abtransport
des Schürfmaterials erfolgt mithilfe von Eseln. Möglichst entlang
der Luftlinie zwischen der Werkstaḍ Graz und der Gallery Fine Arts
Slovenj Gradec zum Zwischenlager an der österreichisch-slowenischen
Grenze auf dem Radlpass. Die ehemaligen Grenzgebäude wandeln sich
dabei zu Museumsgebäuden, gefüllt mit Sinnfragen.
Eine Woche war man im Vorjahr unterwegs. Noch bis 6. August wird der
zweite Eseltreck durchgeführt. Wiederum sind gemeinsam mit Muhammad
Müller sechs Eseltreiber unterwegs.
Chlorvergiftete Schwimmbecken
Der Materialtransport bietet auch Einblicke in unser Land, die das
Erlebte zur Erscheinung erstarren lässt. Es scheint eine Erstarrung
im Geist, eine mangelnde Vorstellungskraft in den Köpfen zu
herrschen, die es erlaubt, einen sogenannten "individuellen
Gestaltungswillen" an den Tag zu legen, der von der Zerstörungswut
der Vielfalt hin zur verordneten stupiden Uniformiertheit führt. Zu
einer ästhetischen und damit untrennbar verbundenen ökologischen
Umweltverschmutzung mit manifestiertem Sondermüll: Häuser,
Umzäunungen, Gartenanlagen.
Das Land gleicht mit seinen Hupfburgen und überdimensionierten
Schwimmbecken (meist chlorvergiftet) einem Disneyland der
weiß-grünen Art. In ihm wird aber Tieren Wasser und Weideplatz
verweigert, hagelt es Altnazisprüche und xenophobischen Sprachmüll.
Bewusstseinsbildung
Das provoziert auch die Aufforderung an Leserin und Leser,
aufzublicken, sich selbst zu beobachten. Die Aufforderung, die
Zeitung selbst als Teil der täglichen Kommunikationslandschaft mit
einem "Kunst-Augen-Blick" zu betrachten. Der keine Heilsversprechung
sein will, vielmehr eine individuelle Maßnahme zur
Bewusstseinsbildung.
Denn sollten nicht auch täglich in den Medien Lebens-Sinn-Fragen
gestellt werden? Und ist es nicht auch für uns alle notwendig, das
Schürfmaterial unserer eigenen Tunnelprojekte zu transportieren?
In der Krise von Wirtschaft und Politik zeigt sich die
Unbeständigkeit dieser Systeme: Kunst erweist sich einmal mehr als
das Beständige, Dauerhafte.
Kunst ermöglicht, in der Rohheit des Alltags seine
Selbstverantwortung ästhetisch wahrnehmbar zu machen. Sich selbst zu
erkennen und zu erleben und an der Veränderung der Welt mitzubauen.
Damit rastloses Umherziehen endlich zum Transport des eigenen
Schürfmaterials wird.
Joachim Baur, geboren 1957 in Judenburg; Goldschmied; Ortweinschule;
1987 Gründung der Werkstaḍ Graz; zahlreiche Projekte im In- und
Ausland werkstaḍ.at
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