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Ausflug ins Land meiner Toten Reflexionen zu einem steirisch-slowenischen Kunstprojekt von Ernst Pichler
Am 15 Oktober 2004 fand der
Erste Spatenstich zum Projekt Basistunnel von
Muhhammad Müller
in der Koroška galerija likovnih
Dieser Tunnel soll eine materielle Verbindung der Werkstaḍ Graz mit der Koroška galerija likovnih umetnosti in Slovenj Gradec schaffen, nachdem eine spirituelle Verbindung zwischen beiden Institutionen schon länger besteht. Der Querschnitt des Tunnels ist so konzipiert, daß zwei Menschen gerade aneinander vorbeikommen. Die Entfernung zwischen den zu verbindenden Orten, beträgt 68 km Luftlinie. Da die Grabung ohne maschinelle Hilfe erfolgen wird, zudem wegen des engen Raumes an den beiden Enden des Tunnels immer nur zwei Menschen werden arbeiten können, ist mit einer Fertigstellung erst in ein paar Tausend Jahren zu rechnen. Aus dem Aushub aber sollte auf Wunsch des zum Islam konvertierten Müllers ein Hügel aufgeschüttet werden, der ihres Glaubens wegen getöteten Muslime gewidmet sein soll. Schön, in unsren Breiten auch der Opfer dieser Religion zu gedenken. Bedenklich aber auch, da jede Bevorzugung einer Glaubensgruppe, Zorn und Eifersucht der anderen erregt. So fragte ich Muhhammad eindringlich: „Nur Muslimen gewidmet? In einem Land, in dem auch viele Andersgläubige gemordet wurden!“ Er legte mir dar, dass nach seinem Glauben jeder Mensch bei der Geburt Muslim sei*, also ein Gott zugewanḍes Wesen. Schon Adam kam als Muslim auf die Welt. Doch immer wieder verirrte und verwirrte sich dieses Urwissen in den Köpfen der Menschen, so daß Gott ihnen immer wieder Propheten senden mußte, um sie auf den rechten Weg zurück zu führen – so tat Abraham, so tat Jesus – doch immer wieder mißdeuteten Menschen die Botschaften, gründeten neue Sekten und stifteten neue Verwirrung. Da sanḍe Gott Mohammed aus, der endgültige Klarheit schaffte**. Natürlich steht mir nicht zu, diese Endgültigkeit zu bezweifeln. Ich stellte nur fest: Müllers Projekt weist nicht nur Tausende von Jahren in die Zukunft, es schaut auch Tausende Jahre zurück in mythische Zeiten, es hat also neben seiner künstlerischen, seiner (wie noch zu erklären sein wird) sozialen, seiner gesellschaftspolitischen, auch noch eine mythisch-mystische Komponente. Und für mich hat es eine sehr persönliche. Graz – Windischgraz (= Slovenj Gradec)! Heimat meiner Kindheit. Ein halbes Jahrhundert habe ich nicht gewagt dich wieder zu betreten. Ein halbes Jahrhundert war die Vergangenheit zugeschüttet. Muhammads Spatenstich, soll sie öffnen. Denn! Obwohl in Graz geboren, verbrachte ich zwischen dem zwölften und vierzehnten Jahr viele Wochen ja Monate in Windischgraz bei unsrer Ahnin. Der Mutter meiner Müttern. Und noch während des Krieges, als in Graz die ersten Bomben fielen, verkroch ich mich eine Zeitlang bei der alten Frau. Dabei war mir anfänglich nicht klar, daß ich auch hier gefährdet war, gefährdeter als in Graz. Hier fielen zwar keine Bomben, aber in den Wäldern, rund um das Stäḍchen, sammelten sich in kleinen Gruppen Titos Partisanen, um vorerst nur Sabotageakte auszuführen, später sollten sie der Stoßtrupp sein, der die verhaßten Deutschen für immer aus dem Land jagen wird. Nicht nur die, die Übles verbrochen haben. Auch die, die seit Urgedenken hier ansässig waren und keine Finger für die Nazis rührten. So ist das im Krieg. Doch sollte ich erst lieber dem Ort ein paar Worte widmen. Als die Mütter geboren wurden, lag er noch im Kaiserreich der Habsburger und hieß, wie angedeutet, Windischgraz. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet er ins Königreich Jugoslawien und hieß fortan Slovenjgradec. Später nahm sich ein kurzes Tausendschähriges Reich seiner an. Da hieß es wieder Windischgraz, um zuletzt dem kommunistischen Vielvölkerparadies Jugoslawien einverleibt zu werden; als Slovenj Gradec. All diese Namen sind Weiße Schimmel. Worte wie Gradec, Grätz, Graz sind slawischen Ursprungs und deuten an, daß es sich um eine slawische Gründung handelt. Zu Bedenken wäre allerdings, daß vor den Slawen schon Kelten und Römer hier siedelten, daß später Hunnen und Awaren das Land verwüsteten, daß Slawen und Bajuwaren es wieder in Besitz nahmen, kultivierten und es gemeinsam gegen Mongolen Türken und Kuruzzen verteidigten, mit einem Wort, daß seit Tausenden Jahren sich die Völker hier bekämpften und vermischten und – um miteinander reden zu können – mehrsprachig sein mußten. Als ich noch ein Kind war, konnte hier jeder slowenisch und deutsch. Dann kamen die Nazi. Sie versuchten das Slowenische zu unterdrücken. Die Kommunisten vier Jahre später Deutsch abzuschaffen. Aber nur die Kommunisten waren erfolgreich. Sie eliminierten Deutsch vollständig. Heut ist das Land der Ahnen wieder vielsprachig. Doch spricht man nicht mehr deutsch als zweite Sprache, sondern englisch. Egal. Ich reiste also mit Muhhammad in das Land der Kindheitserinnerungen. Nachdem wir an der Grenze kurz kontrolliert wurden – Müller in seiner pakistanischen Tracht ist hier bekannt wie ein bunter Vogel – versuche ich, tiefer ins Netzwerk Müllerschen Projekte einzudringen, und stelle die heikelste Frage: „Wer wird die Arbeiten am Tunnel finanzieren?“ „Arbeitslose!“ meint Muhhammad lakonisch. „Arbeitslose?“ frage ich verblüfft. Bekomme aber keine Antwort – was vielleicht zu seiner künstlerischen Technik gehört, Fragen in die Welt zu setzen, die beim Frager einen Schwarm verwirrender Antworten provoziert – , statt dessen lenkt er das Auto hinunter zur Drau (Drava), um auf einer Wiese neben dem Fluß einen Teppich auszubreiten, um darauf sein Nachmittagsgebet zu verrichten. Das läßt mich in eigene Erinnerungen abtauchen. Die Sonne steht schon tief und ich sehe über dem Wasser am anderen Ufer zwischen Fluß und Wald die Eisenbahnschienen, auf denen ich als Vierjähriger zum ersten Mal unter Rauch und Funkenflug mit meiner Großmutter zu deren Mutter reiste. Zur Urmutter, zur Ahnin. Reisen, das waren Abenteuer! Grenzschikanen, Koffer Durchwühlen, lange Palaver in einer Sprache, die die Großmutter daheim in Graz nie sprach und die sie zu meinem kindlichen Erstaunen fließend beherrschte. Doch mein Abgleiten in die Vergangenheit hat noch nicht recht begonnen, da hat Muhhammad sein Gebet schon wieder beendet, erhebt sich, rollt den Teppich ein und legt ihn in den Kofferraum. Ich wiederhole meine Frage. „Arbeitslose sollen das alles finanzieren?“ Müller antwortet mit der Gegenfrage, warum immer nur Herrschende den Opfern ihrer Vorgänger Gedächtnisstätten errichten und nicht Opfer von heute den Opfern von gestern? Warum reiche Kunstunternehmer an Bauten verdienen, wenn genug Arme da wären, die diesen Dienst eindrucksvoller verrichten könnten? Warum den Mächtigen die Dinge überlassen, die doch der einzelne für sich bewältigen muss? Und damit startet er und lenkt den Wagen auf die Straße Richtung Dravograd. Ich habe Zeit Muhammads Gedankensplitter zu sammeln und in eine mir verständliche Ordnung zu bringen: Opfer von Wirtschaftsverbrechen sollen also den Opfern von Kriegsverbrechern Denkmäler errichten. Nur. Wer sind diese Wirtschaftsverbrecher? Hatten wir nicht alle ständig mit unserem Immermehrhabenwollen Druck auf diese Immermehrgebenmüsser ausgeübt, so daß sie zu immer strengeren Maßnahmen greifen mußten? Ich weise den Gedanken von mir, denn diese Gebenmüsser, waren noch größere Nehmenkönner. Und sind es geblieben, auch jetzt noch, wo sie nichts mehr zu geben haben, außer große Worte. Generäle im weltumspannenden ökonomischen Krieg? Im Economic World War? Wirtschaftskriegstreiber? Economic Warlords? EWL’s! Sie schlingen Fäden ihrer Wirtschafts-Macht mit solcher Akkuratesse um unsern Globus, daß ihm, und damit uns (und auch ihnen, was aber sie nicht zu stören scheint), bald die Luft ausgehen wird. Und da ich jetzt ein Wort für die Schuldigen gefunden habe, beruhige ich mich einen Augenblick und frage mich dann doch, wieder leicht skeptisch geworden: Und wer sind die Opfer? Sind das wirklich die Arbeitslosen bei uns? Geht es denen nicht prächtig verglichen mit den Ausgebeuteten und Hungernden einer Welt, die wir arrogant die Dritte nennen? Die waren schon Opfer, als es uns noch gut ging – verschwenderisch gut. Und damit bin ich wieder bei Muhammads Tunnel und denen, die ihn ergraben sollen. Und bitte ihn erneut, zu präzisieren, woher er das Geld nehmen will, um arbeitslose Arbeiter im Tunnel zu nähren und zu kleiden? Tausende von Jahren! Muhhammad ist auf der Suche nach der Abzweigung nach Celje und gibt wieder keine direkte Antwort. Ein Gedanke scheint ihm wichtiger, als die Frage nach der Finanzierung. Es geht ihm vor allem ums seelische Befinden der Arbeitslosen. Um ihr Schuldgefühl und ihre Scham die sie erfaßt, weil sie ausgestoßen sind aus der Gesellschaft derer, die noch Arbeit haben und von denen sie nun erhalten werden müssen. Der Arbeitslose – ein Geschwür unserer Gesellschaft! Ein Klotz am Bein der Tüchtigen! Ein Unterminierer des von uns allen akzeptierten Glaubens an die geheiligte Wachstumsreligion der EWL’s und an den Sieg des Tüchtigen. Das ist erniedrigend. Darum soll die Arbeitslosigkeit zu einem ehrbaren Beruf gemacht werden, erklärt Muhhammad. Ein Beruf, den die Gesellschaft der Arbeitnehmer und -geber (schon die Silbe Geber hat was Angeberisches) dankbar akzeptieren muss: Der freiwillige Arbeitslose. Einer der für Geld auf bezahlte Arbeit verzichtet. Freiwillige Arbeitslose? frage ich hilflos. Doch Muhhammad hat nun seine Aufmerksamkeit ganz auf den abendlichen Verkehr gerichtet und überläßt mich wieder eigenen Gedanken, die mich erst einmal dahin führen, daß es seine Projekt-Kunst anscheinend darauf anlegt ist, das Denken der Mitmenschen in Bewegung zu setzen. So wird der Ausdruck Freiwillig Arbeitslose die einen in Rage versetzen. Andere werden in schallendes Gelächter ausbrechen. Vielleicht aber werden einige das Problem plötzlich von einer neuen Seite betrachten, und so tue auch ich. Wie ein jung gebliebener Achtundsechziger denke ich mir, wenn wir Arbeit als Ware betrachten, dann ist sie jetzt Mangelware geworden. Wenn also jemand auf diese Ware freiwillig verzichtet, tut er für die Gesellschaft etwas Gutes und muss dafür honoriert werden. So gesehen ist der Beruf des Freiwilligen Arbeitslosen (FA) nicht mehr absurd. Nur: Wer wird ihn bezahlen? Die Gesellschaft? Nein! Zahlen müssen die Verursacher des Mangels. Die Schieber und Verschieber von Arbeit. Die Wegrationalisierer und Vernichter von Arbeit. Die Verschleuderer von Arbeit. Mit einem Wort: EWL’s. Die Economic Warlords. Das sind die größten Umweltverschmutzer gewesen, konnten aber (zum Teil wenigstens) gezähmt werden und gezwungen, Schäden die sie verursachten zu beseitigen, für die Reinhaltung der von ihnen verschmutzten Gewässer zu sorgen, den Ausstoß schädlicher Abgase zu drosseln, den Lärm, den sie verbreiteten, zu dämpfen. So werden diese Arbeitsplatzmanipulatoren endlich dafür zahlen, daß sie wertvolles Volksgut vernichten, um daraus Profit zu ziehen. Von dem werden sie etwas abgeben müssen. An den FA. Und sie werden es gern tun – doch! – auch wenn es ein Weilchen dauern wird. Bis nämlich die Zahl unfreiwilliger Arbeitsloser (UF) zur kritischen Masse anwuchs. Zu einer heftig bewegten Masse! Arbeitslose aller Länder vereinigt euch! Erst wenn die EWL’s in ihrer Macht wirklich bedroht sind, werden sie handeln. Werden etwas von ihrem Gewinn an die FA abgeben. Nur dann können sie sich halten. Nur dann können sie neuen Profit herausschlagen. Die FA aber würden vor allem Freizeit gewinnen! Auf den ersten Blick kein erfreulicher Gewinn, wissen doch die wenigsten, was sie mit ihrer Freizeit ohne viel Geld anfangen sollen. Solange sie Arbeit hatten, war das kein Problem. Da konnten sie schwarz arbeiten. Das erhöhte das Einkommen. Damit aber wird Schluß sein. Der FA. darf nichts tun, was den EWL um seinen Profit bringen kann. Nur unprofitables Tun ist erlaubt. In den 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es Arbeitslose, die während ihrer erzwungenen Untätigkeit Taten setzten: Sie erwanderten ihre Heimat und wurden so zu Vorreitern des Alpinismus und des Fremdenverkehrs. Oder drängten in Sportarten, die damals nichts abwarfen, die aber dem armen Österreich kurzfristigen Weltruhm bescheren sollte: Das Fußball-Wunderteam! (Vom oberösterreichischen Arbeitslosen, der es in Deutschland zum mächtigsten Warlord der Welt brachte, schweigen wir lieber.) Der Arbeitslose von heute kann natürlich die alten Ideen nicht einfach aufwärmen. Der Sport ist schon fest in der Hand der EWL’s. Der FA muss Neues erfinden. Muß wieder kreativ werden. Findet er selbst nichts, schließe er sich einem Kreativen an. Zum Beispiel Müllers Tunnelprojekt. Da geht es nicht nur darum ein Loch in den Boden zu bohren, da muss sich einer durchs Gewirr der Bauordnung durcharbeiten und sich mit Behörden herumschlagen, eine völlig unprofitable Arbeit, geradezu maßgeschneidert für den FA, der ja nichts machen darf, was dem Profitdenken schadet. Auch Eselzüchter und Eseltreiber die mit ihren Tieren sich des Aushubs annehmen, gehören in diese Kategorie. Wer aber kann garantieren, daß nicht in tausend Jahren dieser Tunnel samt dem langsam wachsenden Berg des Gedenkens plötzlich von der Tourismusbranche entdeckt wird, da Graz und Slovenj Gradec durch die Erderwärmung in eine Wüste gerieten, die nur noch von ein paar Ururur...-Enkel der ersten FA’s bewohnt wird, die noch immer am Tunnel graben...? Marsch! Zurück in die Realität! Noch ehe wir Dravograd erreichen, schlägt Muhhammad einen Haken nach Süden ins Tal der Misling (Mislinja). Waldberge rechts, Waldberge links, deren Höhen von Kirchen und Kapellen gekrönt sind. Zeichen unausrottbarer Frömmigkeit wecken sie Erinnerungen an die Kirtage der Kindheit, an Böllerschüsse, Weihrauch, Schaukeln, Lebzeltherzen und türkischen Honig. Doch meine Verzückung hält nicht lange an. Schon schieben sich vor die Landschaft häßliche Versatzstücke: Kräne. Lagerhallen. Fabrikswände. Die Dutzendwelt heutiger Vororte verdeckt die Sicht auf das Einst. Wie ein Würgeisen schließt sie sich um den Hals der Stadt der Urmutter. Anderwärts an den Anblick schon gewöhnt, spüre ich den Griff nach der Kehle stärker als sonst. – Da! – Neben der Straße das Flüßchen. Auf ihm hat der Knabe in den 40iger Jahren im selbstgebauten Boot versucht, aus den Schrecken des sich nähernden Krieges zu fliehen. Misling! Meine Befreierin damals. Heut selbst Gefangene! Eingezwängt ins Betonbett verkam sie zum Rinnsal! Nicht zu glauben, daß der Dreizehnjährige auf ihr bis zur Drau kommen würde. Dort weiter wollte. Zur Donau. Und mit ihr hinaus ins Meer. Fort aus dem schwelenden Haß der von außen ins friedliche Tal langsam aber unausweichlich herein kroch. Bis zur Drau kam der Knabe auf seiner Flucht. Dort holte ihn eine Militärstreife der Deutschen heraus. Brachten ihn nach Graz. Verhörte ihn. Ließ ihn dann doch wieder laufen. So überlebte er. Die Ahnin blieb zurück ... Als wir in der Dämmerung ins Zentrum der Stadt einfahren, verfließen Gegenwart und Vergangenheit erneut. Erstaunlich. Das Hotel Schuller steht noch da wie einst. Ist nur frisch gestrichen. Das Geburtshaus Hugo Wolfs – ja der letzte große Schöpfer des deutschen Liedes wurde hier geboren – hat eine neue Gedenktafel bekommen. Sonst hat sich kaum etwas verändert. Die Bäume am Platz wurden verjüngt. Gut. Aber die Fassaden haben ihr Gesicht gewahrt. Das Rathaus hat seine Funktion gewechselt, nicht aber seine Gestalt. Es beherbergt jetzt die Koroška galerija likovnih umetnosti. Ich helfe Muhhammad sein Werkzeug aus dem Auto zu nehmen und ins Gebäude zu tragen. Ein Kameramann erwartet uns mit Handleuchten am Eingang. Blitzlichter blenden uns. Zwei Redakteurinnen einer Zeitung stehen am Eingang und bitten um ein Interview. Freilich, wäre das Ereignis von Politikern aufgezogen worden, stünde auch eine Blaskapelle bereit. Dazu ein Kinderchor. Blumen. Aber all diese Gedanken schiebe ich beiseite, denn mich drängt es zum Haus der Ahnin. Also rasch nach links und dann zwei Mal nach rechts. Hinein in die Gasse, wo ich mit den Nachbarskindern spielte. Sie läuft parallel zum Hauptplatz und führt direkt zur Kirche. Schon atme ich auf. Auch diese hat die Zeit überstanden. Auch die Gasse. Nur – ich stocke. Ein Haus ist weg. Das Haus, in dem ich als Knabe so viele Zeit verbrachte. Das Haus, aus dem später mutige Befreier – die davongekommen sind, haben es mir geschildert – eine alte Frau herauszerren, um sie zum Bahnhof zu schleppen, in einen Viehwaggon zu stoßen, der vollgepfercht ist mit andern Opfern. Leidensgenossen, die vertilgt werden müssen, um das Land von der Pest zu befreien. Der deutschen Pest. Man kennt das Bild. Nur die Rollen sind vertauscht. Und in dieses Bild mischt sich ein lang verstecktes Schuldgefühl, ein Gefühl, das mehr als ein halbes Jahrhundert darauf gewartet hat, mich anzuspringen. Jetzt ist es da. Plötzlich weiß ich, warum ich so lange zögerte, die Grenze zur Vergangenheit zu überschreiten und heimzukehren. Ich bin schuldig am Tod der alten Frau? Haben sie die alte Ahnin nicht meinetwegen ins KZ geschleppt und verrecken lassen. Ein Nazi-KZ, aus dem sie die Opfer der Nazis befreiten, um Platz für ihre Opfer zu haben. Diesmal Deutsche. Aber warum die alte Frau, die niemandem etwas tat? Die nicht mehr lang zu leben hatte, warum durfte sie nicht in Frieden sterben? Nur weil sie eine Deutsche war? Wer konnte in diesem Stäḍchen wirklich sagen, wer deutsch, wer slowenisch war? Alle Alteingesessenen sprachen beide Sprachen und sahen gleich aus. Ich bin schuld an ihrem grausamen Tod. Ich bin für ihr Elend verantwortlich, da ich bei ihr Unterschlupf fand. Schuld, weil ich den Nazis davongelaufen bin. Ein Pimpf! Vorstufe zum Hitlerjungen. Einer der selbst Opfer geworden wäre, wenn das Schlachten ein paar Wochen länger gedauert hätte. Ein Schlachtopfer! Aber eines in Uniform. Meine Uniform hatte ich natürlich an, als ich zur Ahnin flüchtete. Ohne viel zu denken hatte ich ein Braunhemd angezogen. Braunhemden mußte man nicht so oft waschen; der Schmutz wurde nicht so schnell sichtbar. Dieses Braunhemd, hat der alten Frau den Rufe einer Nazi eingebracht. Schweigend starre ich auf die Zahnlücke in der Gasse. Aber diese Lücke war nicht ohne Plombe geblieben. Eine stillose. Plombe. Ein Supermarkt steht an Stelle des alten Gebäudes. Ein höchst bescheidener Supermarkt. Bescheiden wie die Ahnin war. Angesichts des unschuldigen Mini-Marktes versuche ich dieses Schuldgefühl zurückzudrängen und einem anderen Platz machen: Ich sollte ja schon längst wieder in der Galerie sein. Also mit wirrem Kopf rasch zurück. Die Veranstaltung hat begonnen, als ich atemlos eintreffe. Muhhammad steht am Abgang zum Keller und erklärt sein Vorhaben. Auf Englisch natürlich. Man lauscht und nickt. Und folgt dem Künstler willig in die Tiefe des Kellers, wo das Werk seinen Anfang nehmen soll. Muhhammad hat mir einen Fotoapparat in die Hand gedrückt. So hocke ich mich auf die Erde, um einen interessanteren Blickwinkel zu bekommen. Sozusagen auf gleicher Ebene mit dem Werkzeug, das Mutter Erde deflorieren wird. Aber noch kann mein Freund nicht beginnen. Ein Herr im Burberry drängt sich nach vor und fragt streng, weshalb das Stadtoberhaupt an diesem Ereignis nicht teilnimmt. Nur die Anwesenheit des Bürgermeisters würde dem Auftakt das nötige Gewicht geben. „Nur kane Politiker! Die machen d alls kaputt!“ höre ich die Stimme der Ahnin nah meinem Ohr. Erschrocken schiele ich in die Richtung der Worte. Dort hockt tatsächlich jemand, bewaffnet mit einer Kamera. Nicht die Ahnin. Natürlich nicht. Ein Kobold ist es. Ein Mädchen. Es lächelt. Ich lächle zurück und hab das merkwürdige Gefühl, daß wir zwei die einzigen im Raum sind, denen der Sinn des Projektes aufzugehen beginnt. Muhhammad hat derweilen den Fußboden aufgerissen und zu graben begonnen. Der Kobold und ich halten das Ereignis fest. Blitzend. Auch als Müller fragt, ob jemand das Werk fortsetzen will. Ein junger Mann meldet sich und übernimmt die Schaufel. (Der erste FA?) Neue Blitzlichter dokumentieren die Ablöse. Schon erhebt sich ein kleiner Erdhügel; vielleicht einen halben Meter hoch. „Bis der Hügel alle Toten des Krieges aufwiegt, wird s dauern!“ sagt das Mädchen, das nun ins reine Hochdeutsch überwechselt. Ich weiß natürlich, daß ihr Krieg ein viel jüngerer Krieg ist, als mein Krieg. Aber ihr Krieg kann ihr nicht so stark zu schaffen gemacht haben, wie der meine mir? Den erlebte ich als Knabe zwischen Neun und Vierzehn. Sie aber muss noch ein Baby gewesen sein, als der ihre ausbrach. Da blieb doch nichts haften, denke ich und frage: „Erinnern Sie sich denn überhaupt an diese Zeit?“ „An die Zeit in Bosnien?“ fragt sie und ihr Lächeln erlischt. „Sie kommen aus Bosnien?“ gegenfrage ich. „Und Ihr gutes Deutsch?“ „Selbst beigebracht!“ sagt sie sachlich. „Und dann hier mit einer alten Frau geübt, die es noch gesprochen hat ...“ Während wir reden, geht die Veranstaltung dem Ende entgegen. Muhhammad, der das Mädchen von früheren Besuchen in der Galerie zu kennen scheint, tritt zu uns und will wissen, was sie von seinem Projekt halte. Da lächelt sie wieder, als sie antwortet: „Ist guter Anfang. Aber das ist Schicksal aller Anfänge. Anfänge sind fast immer gut. Ist wie bei Kindern. Kann man erst sehen was aus ihnen wird, wenn sie laufen lernen ...“ „Nicht einmal dann ... “ meint Muhhammad und lächelt zurück. Noch ein Drink – das Getränk übrigens auch ein Kunstwerk, Kunstwerk einer afrikanischen Kochkünstlerin aus Graz – danach machen wir uns auf die Rückreise. Als wir aber am Hotel Schuller vorbeikommen, bitte ich, einen Augenblick zu halten, werfe einen letzten Blick auf den kleinen Supermarkt. Der ist jetzt für mich zum Denk-mal geworden. Dem verspreche ich wiederzukommen und auf seine Stufen einen Kranz niederzulegen. Auch ein paar Kerzen zu entzünden. Für die Ahnen. Vorläufig. Bis Muhammads Gedenkhügel steht, wird es doch noch ein Weilchen dauern. Ein paar Tausende Jahre. Zudem vielleicht wirklich nur für Muslim. So lange will ich nicht warten.
Der Spatenstich zum Tunneleingang in Slovenj Gradec fand am 15. Oktober 2004 statt. Der Spatenstich zum Grazer Eingang folgte am 5. November 2004.
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* Das ist nicht ganz richtig wiedergegeben; vielmehr ist richtig, dass jeder Mensch in einem natürlichen Zustand geboren ist, doch bedeutet dass er Muslim ist, denn dass erfordert das Bewusstes Bekenntnis als Erwachsener. [Anmerkung by M. Mueller] * Richtig:: Durch die Offenbarung wurde die ursprüngliche Religion wieder hergstellt; die Klarheit beschränkt sich auf die Gläubigen. |